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Ich sehe was, was du nicht siehst

1. TecTalk Digitale Transformation wirft einen Blick auf die Zukunft der Datenvisualisierung


Von Andreas Severin

Wenn Daten das Öl des 21.Jahrhunderts sind, dann wird die Fähig­keit, die­se zu ana­ly­sie­ren und visu­ell abzu­bil­den zur Königs­dis­zi­plin der neu­en Raf­fi­ne­ri­en. Bal­ken- und Tor­ten­dia­gram­me à la Excel sind zwar bequem zu erzeu­gen, kön­nen aber immer weni­ger die Rea­li­tä­ten in Zei­ten von Big Data befrie­di­gend abbil­den. Pro­jek­te und bis­wei­len gan­ze Geschäfts­mo­del­le ste­hen zuneh­mend vor der Her­aus­for­de­rung gro­ße Daten­men­gen und damit ver­bun­de­ne Kom­ple­xi­tä­ten visu­ell auf­zu­lö­sen. Die Bedarfs­fel­der für Infor­ma­ti­ons­de­sign in Unter­neh­men sind dabei viel­fäl­tig und rei­chen vom Con­trol­ling über die Pro­duk­ti­on bis hin zum Custo­mer Manage­ment.

Für uns ein guter Zeit­punkt, das The­ma zum Auf­takt unse­rer neu­en Ver­an­stal­tungs­rei­he „Tec­Talk Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on“ am 25. April auf die Agen­da zu set­zen. Knapp 20 Unter­neh­mer und Füh­rungs­kräf­te waren der Ein­la­dung von cross­re­la­ti­ons und des Indus­trie 4.0-Spezialisten ITQ ins Duis­bur­ger Tec­trum gefolgt, um sich von einer der füh­ren­den Bera­te­rin­nen für Daten­vi­sua­li­sie­rung einen Über­blick zu den Her­aus­for­de­run­gen und Lösungs­an­sät­zen geben zu las­sen.

Eve­lyn Müns­ter bear­bei­tet als Data Visua­li­za­ti­on Desi­gner anspruchs­vol­le Auf­ga­ben in den Berei­chen Daten­pro­duk­te, Data Sci­ence und Busi­ness Intel­li­gence. „Daten­vi­sua­li­sie­rung“, sagt sie, „ist in vie­len angren­zen­den Beru­fen ein The­ma, dem lei­der sel­ten die nöti­ge Auf­merk­sam­keit gewid­met wird.“ Das soll­te zumin­dest heu­te Nach­mit­tag in Duis­burg anders sein. Ihre Gäs­te sind hoch­in­ter­es­siert und haben alle fach­lich mit dem The­ma schon zu tun.

Futter für die Mental Map

Im ers­ten Teil ihres Vor­trags schlüs­sel­te sie den Teil­neh­mern erst ein­mal auf, wie Les­bar­keit und Ver­ständ­nis von Visua­li­sie­rung eigent­lich zustan­de kom­men. Im Mit­tel­punkt steht dabei eine „Men­tal Map“, die über lang­jäh­ri­ge Lern- und Kon­di­tio­nie­rungs­pro­zes­se in den Köp­fen der Leser hin­ter­legt wird. Sobald Daten visu­ell auf­be­rei­tet, also „kodiert“, wer­den, trifft dies in unse­ren Köp­fen auf erlern­te Mecha­nis­men und Mus­ter der „Deko­die­rung“. Bal­ken­dia­gramm? Flow-Chart? Cand­lestick? Alles klar! Dum­mer­wei­se sto­ßen die­se Dar­stel­lungs­for­men zuneh­mend an ihre Gren­zen. Ins­be­son­de­re wenn es um gro­ße Daten­men­gen und kom­ple­xe Bezie­hun­gen geht, kom­men her­kömm­li­che Charts schnell an ihre Gren­zen. Da wer­den Cand­lesticks schnell zu Nebel­ker­zen. Ent­wick­lern und Unter­neh­men eröff­nen sich damit ech­te Pro­blem­fel­der: Poten­zia­le für das eige­ne Geschäfts­mo­dell blei­ben mög­li­cher­wei­se uner­kannt, oder Daten­pro­duk­te las­sen sich nach außen unzu­rei­chend ver­mit­teln oder plau­si­bi­li­sie­ren. Ein­drucks­voll zeigt Eve­lyn Müns­ter an Bei­spie­len auf, wie Charts eher zu Miss­ver­ständ­nis­sen und fal­schen Schlüs­sen füh­ren.

Zeit für „Data Literacy“

Sie zeigt aber auch, wie es bes­ser geht. Wie sich Daten und die damit ver­bun­de­nen Infor­ma­tio­nen mit inno­va­ti­ven Ansät­zen intel­li­gen­ter und aus­sa­ge­kräf­ti­ger auf­be­rei­ten las­sen. Dabei wird jedoch rasch deut­lich, dass Betrach­ter in die­se Dar­stel­lun­gen erst hin­ein­fin­den müs­sen. Die „Men­tal Map“ ist dafür noch nicht hin­rei­chend ent­wi­ckelt.  Für die Exper­tin ein ver­trau­tes „Gap“, das auch erklärt, war­um die meis­ten Dash­boards nicht die in sie gesetz­ten Erwar­tun­gen erfül­len.  Alles erin­nert ein wenig an das Kin­der­spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst!“

Was sagt mir die­ses Chart?

Zusam­men mit Part­nern hat sie dafür einen „Data Liter­acy Test“ ent­wi­ckelt, mit dem Unter­neh­men den aktu­el­len Sta­tus und damit die visu­elle­Li­te­ra­li­tät ihrer Mit­ar­bei­ter erkun­den und schließ­lich wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen. Schließ­lich zeigt sie auf, wie in Data Liter­acy-Work­shops gezielt die Fähig­keit, kom­ple­xe Gra­fi­ken zu ver­ste­hen, trai­niert und ver­bes­sert wer­den kann, um Unter­neh­men zu ermög­li­chen mit Hil­fe von anspruchs­vol­len Visua­li­sie­run­gen immer kom­ple­xe­re Infor­ma­tio­nen zu kom­mu­ni­zie­ren, rich­tig zu inter­pre­tie­ren und sou­ve­rän daten­ba­sier­te Ent­schei­dun­gen tref­fen zu kön­nen.

Ein neuer Mindset für gutes Dataviz

Klar wird aber auch, dass inno­va­ti­ve und wir­kungs­vol­le Visua­li­sie­run­gen eine ver­än­der­te Her­an­ge­hens­wei­se an Daten­pro­jek­te und –pro­duk­te erfor­dern. Der belieb­te Modus „Wir haben jetzt ein Jahr an die­sen Daten gear­bei­tet und getüf­telt und benö­ti­gen bis nächs­te Woche eine grif­fi­ge Visua­li­sie­rung“ (vul­go: Schön­ma­chen!) begreift Visua­li­sie­rung nur als ästhe­ti­sche Kom­po­nen­te und wird nicht mehr funk­tio­nie­ren. Effek­ti­ve Daten­vi­sua­li­sie­rung muss früh­zei­tig mit der Ent­wick­lungs­leis­tung ein­her­ge­hen. Dafür bie­ten sich vor allem Ent­wick­lungs- und Inno­va­ti­ons­me­tho­den wie Design Thin­king an, die es ermög­li­chen, bereits in frü­hen Pro­dukt­kon­fi­gu­ra­tio­nen die Visua­li­sie­rung zu berück­sich­ti­gen und am Ver­wen­der zu über­prü­fen.

Die Ver­an­stal­ter sind mit dem Ergeb­nis des Tec­Talk-Debüts hoch zufrie­den.
Andre­as Seve­rin von cross­re­la­ti­ons resü­miert: „Die Dis­kus­sio­nen haben gezeigt, dass Eve­lyn Müns­ter hier an die­sem Nach­mit­tag den Nerv getrof­fen hat. Die Bei­trä­ge aus der Run­de las­sen erken­nen, dass in den Unter­neh­men bereits viel dar­über nach­ge­dacht wird, wie sich die neue Kom­ple­xi­tät visu­ell bes­ser auf­lö­sen lässt. Sol­che Ver­an­stal­tun­gen sind wich­tig, um den durch die Digi­ta­li­sie­rung ent­ste­hen­den neu­en Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­darf zu klä­ren.“

Der nächs­te Tec­Talk fin­det vor­aus­sicht­lich in zwei Mona­ten statt.

Wei­te­re Infos zum The­ma: http://evelynmuenster.com/

Was ist der TecTalk?

Der Tec­Talk Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on rich­tet sich an Füh­rungs­kräf­te von Unter­neh­men, die in beson­de­rem Maße gefor­dert sind, die Effek­te der Digi­ta­li­sie­rung in ihrem Geschäfts­mo­dell zu ver­ar­bei­ten. Die Initia­to­ren des Tec­Talks Digi­ta­le Trans­for­ma­ti­on, die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­tung cross­re­la­ti­ons brand­works und der Indus­trie 4.0-Spezialist ITQ, geben mit die­sem For­mat dem not­wen­di­gen dis­zi­plin­über­grei­fen­dem Aus­tausch eine Platt­form. Die Teil­neh­mer sol­len über Impuls­re­fe­ra­te zu jewei­li­gen Schwer­punkt­the­men neu­es Wis­sen gewin­nen und sich dar­über unmit­tel­bar unter­ein­an­der aus­tau­schen kön­nen. Wis­sens­zu­wachs und Ver­net­zungs­ge­win­ne sind dabei unver­meid­lich.
Ort der Ver­an­stal­tung ist das von Nor­man Fos­ter kon­zi­pier­te Tec-Cen­ter im Duis­bur­ger Tech­no­lo­gie­park „Tec­trum“, heu­te ein Cam­pus der Inno­va­ti­on und Inspi­ra­ti­on für jun­ge wie für eta­blier­te Wachs­tums­un­ter­neh­men.