Non-​​Reporter: Nicht müssen, nicht wollen, nicht brauchen

Wer sind sie, warum verweigern sie sich


Von Andreas Severin

In den USA eilt ihre Ver­brei­tung in gro­ßen Schrit­ten voran. Im Ver­ant­wor­tungs­ge­rüst der euro­päi­schen Indus­trie­land­schaft neh­men Nachhaltigkeits-​​ und CSR-​​Berichte seit Jah­ren einen fes­ten Platz ein. Selbst in den Boom­re­gio­nen Bra­si­lien und Indien wett­ei­fern Unter­neh­men heute um Aner­ken­nung im Cor­po­rate Responsi­bi­lity Reporting. Kein Unter­neh­men scheint sich den Erwar­tun­gen auf den welt­wei­ten Kapital-​​, Absatz-​​ und Beschaf­fungs­märk­ten an die nach­voll­zieh­bare und glaub­wür­dige Doku­men­ta­tion sei­ner Ver­ant­wor­tungs­pra­xis ent­zie­hen zu kön­nen. Kein Unter­neh­men? Falsch! Und die Rede ist nicht von hals­star­ri­gen gal­li­schen Moder­ni­sie­rungs­ver­wei­ge­rern hin­ter dem Schutz­wall der Zivi­li­sa­tion. Es sind durch­aus erfolg­rei­che, respek­ta­ble Unter­neh­men, mit­un­ter sogar bör­sen­no­tiert, die dem Zug der Bericht­er­stat­ter nicht fol­gen wol­len. Allein jedes vierte der 150 größ­ten deut­schen Unter­neh­men gibt keine geson­der­ten Infor­ma­tio­nen zu Nach­hal­tig­keits­the­men her­aus, stellte das IÖW bei der Vor­stel­lung des jüngs­ten Ran­kings Ende Februar klar. Ins­be­son­dere in den Bran­chen Ver­si­che­run­gen, Logis­tik und Han­del schei­nen soziale und öko­lo­gi­sche The­men keine Rolle zu spie­len. Wenig Bewe­gung im Land der flei­ßi­gen Musterreporter.

Fragt man nach den Grün­den tau­chen seit Jah­ren ähn­li­che Erklä­rungs­mus­ter auf: Die jähr­li­che Erstel­lung eines Nach­hal­tig­keits­be­rich­tes, die damit ver­bun­dene Erhe­bung der Daten und die kon­ti­nu­ier­li­che Pflege der Bericht­er­stat­tung ist mit Kos­ten ver­bun­den. Zumin­dest wer­den diese bei den Unter­neh­men häu­fig als Begrün­dung für feh­lende Nach­hal­tig­keits­be­richt­er­stat­tung ange­führt (PwC).

Ein ande­rer, frü­her häu­fig ange­führ­ter Grund - die unklare prak­ti­sche Umset­zung durch feh­lende Stan­dards - dürfte sich mit der erfolg­rei­chen Eta­blie­rung des Bericht­er­stat­tungs­rah­mens der Glo­bal Reporting Initia­tive (GRI) erle­digt haben. Tat­säch­lich ist mit deren Ein­füh­rung zu Beginn des Jahr­tau­sends ein signi­fi­kan­ter Anstieg der welt­wei­ten Berichts­ver­öf­fent­li­chun­gen einhergegangen.

Ein wesent­li­ches, bis heute fort­be­ste­hen­des, Gegen­ar­gu­ment scheint in der feh­len­den spür­ba­ren Nach­frage durch rele­vante Sta­ke­hol­der zu beste­hen. Ein aus kom­mu­ni­ka­ti­ons­po­li­ti­scher Sicht nicht ganz von der Hand zu wei­sen­des Argu­ment. Warum sollte ich offen­bar zufrie­dene Sta­ke­hol­der mit einem Ver­hal­ten kon­fron­tie­ren, dass diese offen­bar nicht inter­es­siert? Am Ende wecke ich schla­fende Hunde und mache mich viel­leicht sogar zur Ziel­scheibe von NGOs.

Und doch sollte man das Kräf­te­par­al­le­lo­gramm der Ver­än­de­rung nicht unter­schät­zen. Würde man Anle­gern Opti­ons­scheine auf den Ein­stieg die­ser Unter­neh­men ins Reporting anbie­ten, sie stün­den hoch im Kurs. Es gibt in der Wirt­schafts­ge­schichte einen Strom der Ver­än­de­rung, des­sen vis­kose Kraft irgend­wann jeden mit­nimmt. Wenn die Nach­frage durch Kun­den den Reportin­g­im­puls nicht aus­zu­lö­sen ver­mag, dann schafft es der erste Bericht des Wett­be­wer­bers, oder der Rück­gang der Bewer­ber­zah­len nach Mob­bing­vor­wür­fen und Kon­flik­ten mit der Gewerkschaft.

Fast zehn Jahre ver­wei­gerte sich die Füh­rung eines nam­haf­ten gro­ßen Unter­neh­mens gegen den Rat von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­chef und Fach­ab­tei­lung der  Publi­ka­tion eines Umwelt­be­richts. Nach dem Gene­ra­ti­ons­wech­sel in der Spitze kam es beim ers­ten Mee­ting zum Thema Kom­mu­ni­ka­tion auf den Tisch: „Ich möchte etwas über Ihre Prio­ri­tä­ten ler­nen. Warum haben wir eigent­lich bis heute kei­nen Nach­hal­tig­keits­be­richt?“ Merke: Irgend­wann fin­den sie alle ins Reporting. Auch wenn die Berichte dann viel­leicht schon anders heißen.

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