Integrated Reporting

Der Durchbruch lässt auf sich warten


Von Andreas Severin
IIRC

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Fast drei Jah­re ist es her, dass das Inter­na­tio­nal Repor­ting Coun­cil (IIRC) mit einem Rah­men­kon­zept den Weg frei mach­te für eine inte­grier­te Unter­neh­mens-bericht­erstat­tung. Doch bis heu­te ist die Reso­nanz bei Unter­neh­men eher ver­hal­ten geblie­ben. Wir haben uns die Grün­de dafür näher ange­se­hen.

Tat­säch­lich schien die Zeit gekom­men zu sein, um das bestehen­de Den­ken in „Repor­ting-Silos“ – Geschäfts­be­richt, Umwelt­be­richt, Nach­hal­tig­keits­be­richt – auf­zu­bre­chen und die Zusam­men­hän­ge zwi­schen finan­zi­el­lem Kapi­tal und den ande­ren Kapi­tal­for­men neu zu betrach­ten, als das IIRC im Jah­re 2014 nach nicht weni­ger als sie­ben Jah­ren die Eck­punk­te für ein Rah­men­kon­zept ver­ab­schie­de­te. Nichts Gerin­ge­res als die Finanz- und Wirt­schafts­kri­se hat­te zuletzt die Ein­sicht vor­an­ge­trie­ben, dass die übli­chen betriebs­wirt­schaft­li­chen Kenn­zah­len nicht mehr aus­rei­chen und finan­zi­el­les und nicht-finan­zi­el­les Repor­ting nur zusam­men hin­rei­chend aus­sa­ge­kräf­tig sind.

Unter­neh­men blei­ben zurück­hal­tend

Tat­säch­lich ist die Reso­nanz der deut­schen Unter­neh­men auch im drit­ten Jahr nach Ver­öf­fent­li­chung der recht­lich unver­bind­li­chen Richt­li­ni­en beschei­den geblie­ben. Nur weni­ge Unter­neh­men, wie Bay­er, SAP, EnBW oder der Münch­ner Flug­ha­fen, haben sich ent­schlos­sen, sich an die Neu­auf­stel­lung ihres Repor­tings im Sin­ne der Emp­feh­lun­gen zu machen. Ver­wei­gern sich die Unter­neh­men also einer inte­grier­ten Betrach­tung? Davon kann nicht die Rede sein. Das zeigt eine wah­re Flut an Geschäfts­be­rich­ten, die seit 2014 sub­stan­zi­ell mit nicht-finan­zi­el­len Leis­tungs­da­ten im Lage­be­richt aus­ge­baut wur­den. Hin­ter­grund dafür ist die im vor­letz­ten Jahr wirk­sam gewor­de­ne Neu­re­ge­lung des Rech­nungs­le­gungs­stan­dards DRS 20. Die dar­in ent­hal­te­nen Anfor­de­run­gen sehen nicht nur eine qua­li­ta­ti­ve Stär­kung der Pro­gno­se- und Chan­cen­be­richt­erstat­tung vor, son­dern wer­ten auch „non-finan­ci­als“ auf, allen vor­an Nach­hal­tig­keits­as­pek­te. Aller­dings sind sie auch recht ein­fach zu erfül­len. Erklär­tes Ziel der Neu­re­ge­lung ist es, das Ver­trau­en in den (Konzern-)Lagebericht zu erneu­ern.

Mehr Fra­gen als Ant­wor­ten

Ver­trau­en erfor­dert Trans­pa­renz. Das gilt eben längst nicht mehr nur für die klas­si­schen Sta­ke­hol­der der Nach­hal­tig­keits­be­richt­erstat­tung. Auch Inves­to­ren haben gelernt, dass die tra­di­tio­nel­len Finanz­kenn­zah­len für sich kei­ne hin­rei­chen­de Ein­schät­zung der Zukunfts­fä­hig­keit eines Unter­neh­mens lie­fern. Der Wunsch nach bes­se­ren Infor­ma­tio­nen und mehr Trans­pa­renz dürf­te nach den Ereig­nis­sen der letz­ten Jah­re nicht mehr abzu­weh­ren sein. Es ist daher nur kon­se­quent, dass die bestehen­den Repor­ting-Instru­men­te in ihrer Wirk­sam­keit wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den müs­sen und auch enger zusam­men­rü­cken. Doch momen­tan bestim­men Unsi­cher­hei­ten das Bild. Das Ver­hal­ten vie­ler Unter­neh­men lässt aktu­ell zumin­dest mehr Fra­gen als Ant­wor­ten erken­nen:

War­um sol­len wir mehr berich­ten als das, was gefor­dert ist?“ – Die Unter­neh­men ver­hal­ten sich über­wie­gend Com­pli­an­ce-ori­en­tiert

Vie­le Unter­neh­men ver­hal­ten sich abwar­tend und ori­en­tie­ren sich weit­ge­hend an dem, was der Gesetz­ge­ber for­dert. Sie fol­gen den Erfor­der­nis­sen von DRS 20 und sehen sich damit auf einem Ent­wick­lungs­pfad zur inte­grier­ten Bericht­erstat­tung. Die vor­ge­se­he­nen Anfor­de­run­gen der EU CSR-Berichts­richt­li­nie könn­ten hier zu einem red­un­dan­ten Repor­ting­auf­wand füh­ren, wenn neben dem Kon­zern­la­ge­be­richt noch wei­te­re nicht-finan­zi­el­le Berich­te ent­stün­den. Die Sor­ge vor einem infor­ma­ti­on over­kill beglei­tet hör­bar die Ent­wick­lung der Repor­ting­stan­dards und scheint nicht unbe­grün­det.

Immer­hin ist welt­weit in den letz­ten Jah­ren ein Trend zur gesetz­li­chen Ver­an­ke­rung der Nach­hal­tig­keits­be­richt­erstat­tung zu beob­ach­ten. So waren Däne­mark und die Nie­der­lan­de die ers­ten Län­der, die eine sol­che Berichts­pflicht ein­ge­führt haben. In Frank­reich sind seit 2003 die größ­ten bör­sen­no­tier­ten Gesell­schaf­ten ver­pflich­tet, inner­halb des Geschäfts­be­richts Zah­len und Infor­ma­tio­nen zum Umwelt­schutz und zu Mit­ar­bei­ter­in­ter­es­sen zu ver­öf­fent­li­chen. Am wei­tes­ten geht aktu­ell Süd­afri­ka: Dort ver­pflich­tet der King III-Code die bör­sen­no­tier­ten Unter­neh­men zum Inte­gra­ted Repor­ting.

Was bringt uns Inte­gra­ted Repor­ting an Vor­tei­len?“ – Eine Umstel­lung mit frag­li­chem Nut­zen.

Vie­les von dem, was aktu­ell als „Inte­grier­ter Bericht“ vor­ge­legt wird, erweist sich bei nähe­rer Betrach­tung eher als „kom­bi­nier­te Bericht­erstat­tung“ bei der Geschäfts- und Nach­hal­tig­keits­be­richt mehr oder weni­ger inein­an­der gescho­ben wur­den. Das IIRC hat mit sei­nem Ent­wurf zwar Prin­zi­pi­en benannt, aber dar­auf ver­zich­tet, kon­kre­te inhalt­li­che Vor­ga­ben zu machen. Kon­zep­tio­nel­ler Aus­gangs­punkt des IIRC ist jedoch „Inte­gra­ted Thin­king“: Dar­in sol­len über­grei­fend die Bezie­hun­gen der ver­schie­de­nen ope­ra­ti­ven Ein­hei­ten und Funk­ti­ons­be­rei­che als auch die für das Unter­neh­men ent­schei­den­den wert­schaf­fen­den Kapi­tal­ar­ten fokus­siert wer­den, um die lang­fris­ti­ge Wert­ent­wick­lung steu­ern zu kön­nen. Damit tun sich vie­le Unter­neh­men aber offen­sicht­lich noch schwer. Ent­we­der las­sen sich die damit ein­her­ge­hen­den und gefor­der­ten Manage­men­t­an­sät­ze noch gar nicht dar­stel­len, oder es gibt Befürch­tun­gen so vie­le Infor­ma­tio­nen Preis zu geben.

Was ist wesent­lich?“ – Das Minen­feld „Mate­ria­li­ty

Ein zen­tra­les Ele­ment der Nach­hal­tig­keits­be­richt­erstat­tung nach GRI ist die soge­nann­te Mate­ria­li­täts- oder Wesent­lich­keits­ana­ly­se. Mit der Iden­ti­fi­ka­ti­on wesent­li­cher Hand­lungs­fel­der bil­det sie nicht nur den zen­tra­len Bezugs­punkt aller inhalt­li­chen The­men und Daten von Nach­hal­tig­keits­be­rich­ten. Ihr kommt viel­mehr eine wesent­li­che Schar­nier­funk­ti­on zu zwi­schen der rück­wär­ti­gen Betrach­tung der Nach­hal­tig­keits­leis­tung einer­seits und der Ein­schät­zung, die anste­hen­den Her­aus­for­de­run­gen zu bewäl­ti­gen. Kaum etwas hat in der Ver­gan­gen­heit der­art hei­ße Dis­kus­sio­nen in der Frei­ga­be von Nach­hal­tig­keits­be­rich­ten aus­ge­löst wie die Mate­ria­li­täts­ma­trix. Was ist wich­tig, was ist weni­ger wich­tig? War­um steht Kor­rup­ti­ons­be­kämp­fung unten links? Nicht sel­ten lässt sich eine Mate­ria­li­täts­ma­trix nur mit umfang­rei­chem Fuß­no­ten­ap­pa­rat ver­öf­fent­li­chen. Mit dem Ein­zug in den Lage­be­richt oder einer Dar­stel­lung im Inte­gra­ted Report muss die Mate­ria­li­täts­be­trach­tung sich fort­an aber auch einem erwei­ter­ten Kreis von Anspruchs­grup­pen stel­len. Das, was für Nach­hal­tig­keits-Sta­ke­hol­der „mate­ri­al“ erscheint, kann für Ana­lys­ten und Auf­sichts­be­hör­den im Kapi­tal­markt wenig rele­vant oder gar mit weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen ver­bun­den sein. Wäh­rend sich für Share­hol­der „mate­ria­li­ty“ oft mit Haf­tungs­fra­gen ver­bin­det, bleibt das Com­mit­ment in der GRI-Sys­te­ma­tik häu­fig eher im Unge­fäh­ren. Hier sind Kon­flik­te pro­gram­miert. Das Pro­blem unter­schied­li­cher Wesent­lich­keits­de­fi­ni­tio­nen stellt sich zusätz­lich auch in dem aktu­ell vor­lie­gen­den Ent­wurf zur CSR-Richt­li­nie der EU.

Kön­nen (oder wol­len) wir das dar­stel­len?“ – Vom schwie­ri­gen Umgang mit der „Kon­nek­ti­vi­tät“

Die unter dem Begriff Leit­prin­zip der „Kon­nek­ti­vi­tät“ vom IICR gefor­der­te Ver­knüp­fung von Infor­ma­tio­nen in einem inte­grier­ten Bericht reprä­sen­tiert ver­mut­lich die wich­tigs­te Neue­rung im Berichts­mo­dell. Der ganz­heit­li­che Blick auf die wesent­li­chen Wert­trei­ber soll neue Erkennt­nis­se zur ver­bes­ser­ten Steue­rung nach­hal­ti­ger Wert­schöp­fung ermög­li­chen. Ein belieb­tes Bei­spiel zur Illus­tra­ti­on des „Konnektivitäts“-Gedankens und der Ver­knüp­fung finan­zi­el­ler und nicht-finan­zi­el­ler Kenn­zah­len ist der Zusam­men­hang zwi­schen Mit­ar­bei­ter­zu­frie­den­heit und Pro­duk­ti­vi­tät sowie deren Ein­fluss auf das EBIT. Aller­dings sind vie­le ande­re Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen in den Unter­neh­men noch Neu­land in der Daten­la­ge und ent­spre­chend kom­plex in der Auf­be­rei­tung durch das Con­trol­ling. Nichts­des­to­trotz könn­te sich die „Kon­nek­ti­vi­tät“ als die kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zo­gen span­nends­te Dimen­si­on des Inte­gra­ted Reports erwei­sen, sind Unter­neh­men hier doch gefor­dert, wesent­li­che Wir­kungs­zu­sam­men­hän­ge auf dem Weg zu einer nach­hal­ti­gen Unter­neh­mens­pra­xis zu erken­nen, zu inter­pre­tie­ren und das eige­ne Ent­schei­dungs­ver­hal­ten zu begrün­den. Es ist daher nicht über­ra­schend, dass die „Kon­nek­ti­vi­tät“ in den bis­her vor­lie­gen­den Berich­ten eher noch gering aus­ge­prägt ist.

Ist es klug, den Nach­hal­tig­keits­be­richt auf­zu­ge­ben?“ – Ver­liert sich der Nach­hal­tig­keits­be­richt im Inte­grier­ten Bericht?

Zur Klar­stel­lung: Ein Inte­gra­ted Report ist kein Nach­hal­tig­keits­be­richt. Auch wenn die Repor­ting­richt­li­ni­en wie GRI, IIRC, und die für Geschäfts­be­rich­te gel­ten­den Regeln zuse­hends – in Rich­tung Kapi­tal­markt – kon­ver­gie­ren, reicht ein Blick in die vor­lie­gen­den Berich­te, um die Unter­schie­de zu erken­nen. Nach­hal­tig­keits­be­rich­te ent­stan­den – über Vor­gän­ger­for­ma­te wie Umwelt- und Sozi­al­be­rich­te – aus einer ethi­schen Nach­fra­ge spe­zi­fi­scher Sta­ke­hol­der her­aus. Anders als im Finanz­be­richt stand hier nie die Wirt­schaft­lich­keit und Pro­fi­ta­bi­li­tät im Fokus der Erwar­tun­gen. Kun­den woll­ten wis­sen, wie es hin­ter einem Pro­dukt um den Umwelt­schutz oder die Men­schen­rech­te bestellt ist. Lie­fe­ran­ten kön­nen hier früh­zei­tig erken­nen, was auf sie zukommt. Mit­ar­bei­ter möch­ten sich mit einem „guten“ Unter­neh­men iden­ti­fi­zie­ren. Und wer mit dem Gedan­ken spielt, sich bei einem Unter­neh­men zu bewer­ben, wird immer eher in den Nach­hal­tig­keits­be­richt bli­cken, um das Unter­neh­men kul­tu­rell und ethisch zu ver­or­ten.

In Nach­hal­tig­keits­be­rich­ten fügen sich sehr unter­schied­li­che Hand­lungs­fel­der von Unter­neh­men zu einem Gan­zen. Aus unter­schied­lichs­ten Blick­win­keln zusam­men­ge­fügt erzäh­len sie die Geschich­te zur Zukunfts­fä­hig­keit des Unter­neh­mens. Wer in inte­grier­te Berich­te blickt, hat nicht sel­ten den Ein­druck, ein hoch ste­ri­li­sier­tes Infor­ma­ti­ons­pro­dukt in den Hän­den zu hal­ten. Dik­ti­on und Stil sind mit­un­ter sehr stark vom recht­lich abge­si­cher­ten For­mel­duk­tus des Geschäfts­be­richts geprägt. Ansät­ze zum Sto­ry­tel­ling bestim­men kaum das Gesamt­bild, son­dern erschei­nen wie das Begleit­grün an der Wüs­ten­stra­ße. „High­lights“ ste­hen wie­der weit­ge­hend für sich, ohne dass „Low­lights“ die Chan­ce erhal­ten, deren Glaub­wür­dig­keit aus­zu­ta­rie­ren. Es fällt der­zeit schwer, in Inte­gra­ted Reports einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Fort­schritt zu erken­nen. Unter­neh­men sind daher gut bera­ten, sorg­sam abzu­wä­gen, inwie­weit sie ein Über­gang zum Inte­gra­ted Report wei­ter­bringt oder sie inwie­weit sogar wich­ti­ge Ver­trau­ens­be­zie­hun­gen mit die­sem Schritt aufs Spiel set­zen.

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