Erst in Gemeinschaft blüht das Gehirn so richtig auf“

Der Neurowissenschaftler Henning Beck zu den Erfolgsfaktoren präventiver Arbeitssicherheitskommunikation


Von Jörn Becker

Safety Days, Sicherheits-​​Parcours, Pla­kat­kam­pa­gnen oder sogar die Thea­ter­bühne in der Kan­tine – Unter­neh­men bespie­len ein brei­tes Reper­toire an Instru­men­ten, wenn es darum geht, Mit­ar­bei­ter zur Beach­tung von Arbeits­si­cher­heits­re­geln zu gewin­nen. Tat­säch­lich gel­ten an vie­len Arbeits­plät­zen orga­ni­sa­to­ri­sche und tech­no­lo­gi­sche Mit­tel als weit­ge­hend aus­ge­reizt. Im Mit­tel­punkt steht heute weit­hin die Her­aus­for­de­rung, mit prä­ven­ti­ven Ange­bo­ten auf das sicher­heits­be­zo­gene Ver­hal­ten von Mit­ar­bei­tern Ein­fluss zu neh­men. Das erweist sich aller­dings als harte Nuss. Denn beim Arbeits­schutz geht es um die Beach­tung von Regeln und das Ler­nen von Ver­hal­tens­wei­sen und damit um Ziele, die bei den meis­ten Men­schen nicht unbe­dingt auf ein lust­vol­les Feed­back sto­ßen. Wo also muss man anset­zen, um Men­schen zu moti­vie­ren, Neues zu ler­nen, Dinge anders zu sehen und sich schließ­lich anders zu ver­hal­ten? Klar ist immer­hin, dass Kom­mu­ni­ka­tion eine Schlüs­sel­rolle dabei spielt. Wir woll­ten es genauer wis­sen und haben uns von  dem Neu­ro­wis­sen­schaft­ler und Hirn­for­scher Hen­ning Beck ein­mal erklä­ren las­sen, wie unser Gehirn mit Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bo­ten zum Thema Arbeits­si­cher­heit eigent­lich umgeht.

Herr Dr. Beck, wie schnell ver­an­kert sich eine Bot­schaft dau­er­haft im Gehirn? Oder anders for­mu­liert: Ist es eine Frage der Dauer eines Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­ge­bots, zum Bei­spiel einer Kam­pa­gne, um das Bewusst­sein für die The­ma­tik nach­hal­tig zu erhöhen?

Das Gehirn kann man­che Dinge schon nach einem ein­zi­gen Mal dau­er­haft spei­chern. Vor­aus­set­zung dafür ist: Es muss neu und anders sein und emo­tio­nal auf­re­gen, am bes­ten mit einem posi­ti­ven Gefühl. So ein Aha-​​Moment kann dann den Start­schuss geben, damit man sein Ver­hal­ten nach­hal­tig über­denkt. Die­sen Start­im­puls kann man anschlie­ßend mit klei­nen Maß­nah­men wirk­sam am Lau­fen halten.

Wie wich­tig ist Abwechs­lung in der Kom­mu­ni­ka­tion, um ein dau­er­haf­tes Inter­esse zu erreichen?

Für erfolg­rei­che Kom­mu­ni­ka­tion gibt es zwei Grund­re­geln: Sie sollte viel­fäl­tig und per­sön­lich sein. Je abwechs­lungs­rei­cher der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch, desto bes­ser bleibt die Bot­schaft hän­gen. Am bes­ten nutzt man also unter­schied­li­che Medien, ver­wen­det Bil­der, Texte, Filme – und per­sön­li­chen Aus­tausch. Denn für das Gehirn gibt es nichts Span­nen­de­res als mit ande­ren Men­schen zusam­men zu sein. Das per­sön­li­che Gespräch, der mensch­li­che Kon­takt ist immer noch die beste Methode um Inter­esse zu erzeu­gen und dau­er­haft eine Bot­schaft zu ver­an­kern. 

Wie muss dem­nach eine gute Kam­pa­gne für Arbeits­si­cher­heit auf­ge­baut sein?
Zum einen setzt sie auf starke Bil­der, mit denen sich die Mit­ar­bei­ter iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Unser Gehirn nimmt wich­tige Infor­ma­tio­nen am bes­ten auf, wenn sie in guten Geschich­ten statt­fin­den. Gute Geschich­ten, das sind oft­mals viele Worte, die man lesen muss. Ein Bild sagt jedoch bekannt­lich mehr als 1000 Worte und lässt sich dabei auch noch schnell erfassen.

Zum ande­ren sollte die Kam­pa­gne ein Wir-​​Gefühl erzeu­gen, das dazu bei­trägt, dass die Bot­schaf­ten in den Köp­fen hän­gen blei­ben. Denn das Gehirn blüht in Gemein­schaft erst so rich­tig auf. Durch die Anspra­che aller Mit­ar­bei­ter fühlt sich der Ein­zelne als Teil einer Gemein­schaft. Er bekommt das Gefühl, die Leit­li­nien für den Arbeits­schutz nicht nur für sich, son­dern auch für andere anzuwenden.

Kön­nen wich­tige The­men wie Arbeits­si­cher­heit über spie­le­ri­sches Ler­nen, heute ist auch von „Serious Games“ die Rede, ver­mit­telt wer­den? Wer­den auf diese Weise erlernte Infor­ma­tio­nen vom Gehirn tat­säch­lich auch bes­ser abgespeichert?

Im Spiel kön­nen wir gefahr­los Dinge aus­pro­bie­ren und so viel unge­zwun­ge­ner ler­nen. Das Spiel schafft einen geschütz­ten Ort, an dem wir uns mehr trauen und so typi­sche Lern­hem­mun­gen abbauen: Spie­len moti­viert und ist oft von einem star­ken per­sön­li­chen Aus­tausch geprägt. Das hilft uns, neue Hand­lun­gen schnell zu ver­ste­hen. Spie­len allein reicht zwar nicht, um Dinge umfas­send zu ler­nen. Aber sie bie­ten eine tolle und abwechs­lungs­rei­che Ergän­zung zum übli­chen Fortbildungs-​​ und Lernprogramm.

Stich­wort Rou­tine am Arbeits­platz. Ist sie nun eher Freund oder Feind der der Arbeits­si­cher­heit? Sowohl als auch. Aus neu­ro­bio­lo­gi­scher Sicht han­delt es sich bei Rou­ti­nen um Abkür­zun­gen, die sich das Gehirn baut, um erlernte und ver­in­ner­lichte Abläufe mit weni­ger Auf­wand durch­zu­füh­ren. Als geüb­ter Auto­fah­rer müs­sen wir uns bei­spiels­weise nicht mehr auf das Schal­ten und Len­ken kon­zen­trie­ren. Wir fah­ren so gese­hen auto­ma­ti­siert. Das strengt uns weni­ger an.

Das ist einer­seits gut, birgt aber ande­rer­seits auch Risi­ken, da wir dann nicht immer die not­wen­dige Auf­merk­sam­keit an den Tag legen. Ein Bei­spiel dafür wäre die Fahrt von der Arbeit nach Hause. Wenn man sich beim Ein­par­ken wun­dert, wie man über­haupt hier­her­kam, fuhr man rou­ti­niert, aber damit eben auch geis­tes­ab­we­send – und damit unsi­cher – heim.

Wie kann man der Unauf­merk­sam­keit ent­ge­gen­wir­ken?
Es reicht aus, vor Beginn einer bekann­ten Hand­lung kurz inne­zu­hal­ten und es sich bewusst zu machen, dass nun eine neue Routine-​​Situation beginnt. Sei es vor dem Anle­gen der Arbeits­klei­dung oder vor dem ers­ten Hand­griff am oder mit dem Arbeits­ge­rät. Wenn wir uns wis­sent­lich in eine Rou­tine bege­ben, bleibt die Auf­merk­sam­keit erhal­ten, das Unfall­ri­siko aber sinkt.

 

Über unse­ren Experten:

Hen­ning Beck wurde 1983 an der süd­hes­si­schen Berg­straße gebo­ren und stu­dierte Bio­che­mie in Tübin­gen. Nach sei­nem Diplom pro­mo­vierte er an der dor­ti­gen Gra­duate School of Cel­lu­lar & Mole­cu­lar Neu­ro­sci­ence. Er arbei­tete an der Uni­ver­sity of Cali­for­nia in Ber­ke­ley, publi­ziert regel­mä­ßig in der Wirt­schafts­wo­che und im GEO-​​Magazin und hält Vor­träge und Work­shops zu The­men wie „Neu­ro­bio­lo­gie und Krea­ti­vi­tät“. Hen­ning Beck lebt in Frank­furt und ist am dor­ti­gen Scene Gram­mar Lab tätig. Im Februar 2017 erschien bei Han­ser sein neu­es­tes Buch „Irren ist nütz­lich“, in dem er auf­zeigt, warum es die Denk­feh­ler des Gehirns sind, die uns schließ­lich weiterbringen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.