Das Imperium schlägt zurück!

Bericht vom deutschen GRI G4 Launch-Event in Frankfurt


Von Andreas Severin
Christine Koblun, GRI Launch Event G4

Chris­ti­ne Koblun führ­te in die neu­en Reporting-Gui­de­li­nes ein

Groß war der Andrang beim deut­schen Launch-Event zur Ein­füh­rung in die vier­te Gene­ra­ti­on (G4) der Gui­de­li­nes der Glo­bal Reporting Initia­ti­ve (GRI). Über ein­hun­dert Teil­neh­mer waren der Ein­la­dung in den Esch­bor­ner „Cube“ der Deut­schen Bör­se AG gefolgt. Als am sel­ben Ort vor knapp drei Jah­ren eine Anhö­rung zur dama­li­gen Ent­wurfs­fas­sung der G4 statt­fand und noch kon­kre­te Ein­fluss­nah­me auf die End­fas­sung mög­lich war, hat­ten sich gera­de mal 30 Leu­te ein­ge­fun­den.
Der Wake-up Call erfolg­te offen­bar am 22. Mai 2013 in Ams­ter­dam. Seit­dem an die­sem Tag die Vor­stel­lung der neu­en Gui­de­li­nes erfolg­te, ist es mit Ruhe und Ord­nung im deut­schen Reporting-Spren­gel vor­bei. Wer­den wir uns im Ran­king hal­ten kön­nen? Müs­sen wir GRI viel­leicht auf­ge­ben? Reicht die Zeit, um uns auf den neu­en Stan­dard aus­zu­rich­ten? Sol­che Fra­gen berei­ten man­chem Reporting-Ver­ant­wort­li­chen mitt­ler­wei­le schlaf­lo­se Näch­te.

Für Chris­ti­ne Koblun, Net­work Rela­ti­ons Coor­di­na­tor bei GRI,  muss die Ver­un­si­che­rung im Raum greif­bar gewe­sen sein. Allen war klar, dass dies nicht mehr die Stun­de der Kri­tik oder Nach­bes­se­rung war. Jetzt ging es nur noch dar­um, G4 rich­tig zu ver­ste­hen und inter­pre­tie­ren zu kön­nen. Ein wenig so, wie man sich einem unbe­kann­ten Medi­ka­ment zunächst über den Bei­pack­zet­tel nähert, führ­te Frau Koblun das Audi­to­ri­um mit behut­sa­mer Stim­me Schritt für Schritt durch die wich­tigs­ten Inhal­te und Eck­punk­te des G4-Kata­logs. Und Frau Koblun war als Moti­va­to­rin gekom­men, um mit Geduld und Empa­thie die Ängs­te und Skep­sis gegen­über dem neu­en Regel­ka­ta­log abzu­bau­en.

Das Impe­ri­um schlägt zurück“, sagt - weni­ger ein­fühl­sam - Ralph Thurm. Er  muss es wis­sen. Es gibt weni­ge, die die Evo­lu­ti­on der Gui­de­li­nes so lan­ge und so inten­siv beglei­tet haben. Der Nach­hal­tig­keits­be­ra­ter und Trai­ner konn­te nicht nur in sei­ner Zeit als GRI COO genau­es­tens beob­ach­ten, wie sich Unter­neh­men auch abseits rea­ler Nach­hal­tig­keits-Per­for­mance auf ein effek­ti­ves Reporting ori­en­tier­ten. Das von Unter­neh­men ange­streb­te App­li­ca­ti­on Level C, B, oder gar A  droh­te zuneh­mend zu einer Fra­ge des Abar­bei­tens einer Abhaklis­te namens Con­tent Index zu wer­den. Ech­te Fort­schrit­te in der Nach­hal­tig­keits­ori­en­tie­rung droh­ten in die­sem Reporting-Regel­kreis auf der Stre­cke zu blei­ben.

Tat­säch­lich wird G4 eini­ge lieb­ge­won­ne­ne Pro­zes­se im Reporting über den Hau­fen wer­fen und den Unter­neh­men eini­ges Kopf­zer­bre­chen berei­ten. Die Refe­ren­ten mach­ten noch ein­mal die wich­tigs­ten Her­aus­for­de­run­gen deut­lich:

  • Der Sta­ke­hol­der­an­satz und -dia­log soll wesent­lich trans­pa­ren­ter wer­den. Zukünf­tig wird es nicht mehr aus­rei­chen, die wesent­li­chen Anspruchs­grup­pen auf­zu­zäh­len und all­ge­mein auf den „regel­mä­ßi­gen Aus­tausch“ zu  ver­wei­sen. Hier wird künf­tig ein metho­di­scher Ansatz nach­zu­wei­sen sein, Sta­ke­hol­der zu klas­si­fi­zie­ren und ihre Erwar­tun­gen und Stand­punk­te stär­ker im Reporting abzu­bil­den. Eine zen­tra­le neue Her­aus­for­de­rung, in der das Know-how der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­fis im Unter­neh­men eine wich­ti­ge Rol­le spie­len kann.
  • Die Anfor­de­run­gen an die „Wesent­lich­keit“ der Bericht­erstat­tung wer­den deut­lich aus­ge­wei­tet. Mehr als bis­her wer­den die Pro­zes­se zur Eta­blie­rung von Berichts­in­hal­ten Beach­tung fin­den müs­sen. Der gefürch­te­ten Fra­ge zur Bezie­hung zwi­schen Unter­neh­mens­stra­te­gie und Nach­hal­tig­keits­stra­te­gie wird man künf­tig nicht mehr so leicht aus­wei­chen kön­nen. Berichts­gren­zen kön­nen nicht mehr will­kür­lich gezo­gen wer­den, son­dern müs­sen sich wie auch in der Dar­stel­lung von Manage­men­t­an­sät­zen (DMA) stär­ker an den „wesent­li­chen Aspek­ten“ ori­en­tie­ren.
  • Ein wesent­li­cher Prüf­punkt des Reportings wird bei G4 die Dar­stel­lung der Lie­fer­ket­ten­ak­ti­vi­tä­ten sein. Die­se wer­den künf­tig in ver­schie­dens­ten Dimen­sio­nen aus­ge­leuch­tet wer­den. Das wird für zusätz­li­che Erschwer­nis­se sor­gen, da vor allem klei­ne­re und mitt­le­re Unter­neh­men in der Regel nicht über die erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen und Pro­zes­se ver­fü­gen.
  • Indi­ka­to­ren wer­den in G4 „mehr­schich­ti­ger“ berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Um „in accord­ance“ zu sein, bedarf es künf­tig einer kon­se­quen­te­ren Berück­sich­ti­gung aller für die wesent­li­chen Aspek­te rele­van­ter Indi­ka­to­ren. Das kann im Ein­zel­fall bedeu­ten, dass Kenn­zah­len her­an­ge­zo­gen wer­den müs­sen, um sowohl den Sta­tus quo, die hier­mit ver­bun­de­nen Aus­wir­kun­gen wie auch Lösungs­an­sät­ze zu beschrei­ben.

 

Ohne Zwei­fel wird sich ins­ge­samt die Kom­ple­xi­tät der Nach­hal­tig­keits­be­richt­erstat­tung aus­wei­ten.  Gro­ße Unter­neh­men berei­ten sich hin­ter den Kulis­sen schon seit letz­tem Jahr mit Bera­tern inten­siv auf die Umstel­lung vor. Die Uhr dafür läuft. Denn nach dem 31.12.2015 kön­nen nur noch G4-Berich­te ver­öf­fent­licht wer­den. Unter­neh­men sind also aktu­ell gut bera­ten, jetzt die Wei­chen zu stel­len und ent­we­der noch einen Bericht nach G3/3.1 zu erstel­len oder die Zeit zu nut­zen, um sich auf einen fun­dier­ten Ein­stieg in G4 vor­zu­be­rei­ten.

Es bleibt nun abzu­war­ten, inwie­weit bzw. wie schnell der neue Stan­dard sich durch­setzt. In Esch­born war unüber­seh­bar, dass die Sze­ne noch ganz schön mit den neu­en Gui­de­li­nes frem­delt. Die Wei­ter­ent­wick­lung des Rah­men­werks mag gut begrün­det sein. Har­mo­ni­sie­rung glo­ba­ler Stan­dards, Inte­grier­te Bericht­erstat­tung, eine effek­ti­ve­re Siche­rung der „Wesent­lich­keit“, aber auch ein bis­wei­len „krea­ti­ver“ Umgang mit dem GRI App­li­ca­ti­on Level haben die­se Neu­fas­sung erfor­der­lich gemacht. Und doch ist auch die Zurück­hal­tung der Repor­ter ver­ständ­lich: Vie­le haben in ihren Unter­neh­men viel Über­zeu­gungs­ar­beit leis­ten müs­sen, um die not­wen­di­gen inter­nen Pro­zes­se und Moni­to­rings und Res­sour­cen in den Geschäfts­plä­nen dau­er­haft zu ver­an­kern. Das GRI-Reporting ist selbst in manch gro­ßem Unter­neh­men noch eine zar­te Pflan­ze, deren Über­le­ben nicht gesi­chert ist. Auch ange­sichts der welt­wei­ten Akzep­tanz des GRI-Stan­dards sind selbst in den Indus­trie­staa­ten vie­le Unter­neh­men immer noch zurück­hal­tend in der Ver­öf­fent­li­chung von Nach­hal­tig­keits­be­rich­ten. Beson­ders kri­tisch: Bis heu­te kann GRI noch kei­ne nen­nens­wer­te Prä­senz in KMUs vor­wei­sen. Die Gefahr ist groß, dass mit der Neu­fas­sung und „Insti­tu­tio­na­li­sie­rung“ der Gui­de­li­nes prak­tisch nur noch die Gover­nan­ce-Sys­te­me der gro­ßen, bör­sen­no­tier­ten Kon­zer­ne adres­siert wird. In die­sel­be Rich­tung wir­ken der­zeit poli­ti­sche Initia­ti­ven zur Pflicht­be­richt­erstat­tung in der EU. Auch hier ist abseh­bar, dass nur noch Unter­neh­men, an denen ein „öffent­li­ches Inter­es­se“ besteht, also Kon­zer­ne, im Fokus der Auf­merk­sam­keit ste­hen. Die meis­ten  mit­tel­stän­di­schen Unter­neh­men, von denen bekannt­lich die größ­te Markt­ge­stal­tung aus­geht, dro­hen hier in der Berichts­pra­xis abge­hängt oder schlicht­weg über­for­dert zu wer­den.

Unser Chef­re­dak­teur für Nach­hal­tig­keits­be­rich­te, Kars­ten Pohl, hat einen so inter­es­san­ten wie sub­ver­si­ven Gedan­ken auf­ge­wor­fen: Könn­te es sein, dass Unter­neh­men, die schon nach GRI berich­ten, sich dem Über­gang auf G4 ein­fach ver­wei­gern und wei­ter­hin nach G3.x berich­ten? Das könn­ten sie im Prin­zip auch nach dem 31.12.2015 tun, nur ohne das GRI-Label ver­wen­den zu kön­nen. Da es die App­li­ca­ti­on Level dann aber sowie­so nicht mehr gibt, könn­te die­ser Ver­lust zu ver­schmer­zen sein. Und als hoch­wer­ti­ges Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­stru­ment wür­de der Bericht immer noch sei­nen wesent­li­chen Zweck erfül­len.

The Impe­ri­um strikes back“? Es bleibt abzu­war­ten, ob der jüngs­te Schuss der GRI nicht nach hin­ten los­geht.

Emp­feh­lun­gen zum Wei­ter­le­sen: Wer sich mit G4 ver­traut machen möch­te, muss sich im Wesent­li­chen durch zwei Publi­ka­tio­nen arbei­ten. Wäh­rend in den „Reporting Princi­ples and Stan­dard Dis­clo­sures“ (blau)  die all­ge­mei­nen sys­te­ma­ti­schen Grund­la­gen und Prin­zi­pi­en, aber auch die Kri­te­ri­en für „in accord­ance“ dar­ge­stellt wer­den, zeigt das „Imple­men­ta­ti­on Manu­al“ (oran­ge) wie es prak­tisch von­stat­ten gehen soll. Bei­de Doku­men­te fin­den sich zusam­men mit vie­len ande­ren hilf­rei­chen Ange­bo­ten auf den G4-Web­sei­ten der GRI.

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