Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt

Christoph Keese stellt sein neues Buch in Düsseldorf-Kaiserswerth vor


Von Andreas Severin
Lesenswert: Das neue Buch von Christoph Keese

Lesens­wert: Das neue Buch von Chris­toph Keese

Heute Abend hatte ich das Gefühl einer Beer­di­gungs­ge­sell­schaft bei­zu­woh­nen, die sich der Dinge, die da unab­wend­bar kom­men, begeg­net, indem sie sich gegen­sei­tig der eige­nen Vita­li­tät ver­si­chert. „Et hätt noch emmer joot jejange.“, raunt man sich den rhei­ni­schen Impe­ra­tiv zu.

Aber von Anfang an. Heute Mor­gen ließ mich das „Morning Brie­fing“ des Han­dels­blatts wis­sen, dass heute Abend Chris­toph Keese, Springer-​​Manager und ehe­ma­li­ger Chef­re­dak­teur der „Finan­cial Times Deutsch­land“, in Düs­sel­dorf vor­bei­schaut, um sein neues Buch vor­zu­stel­len. Hin­ter­grund: Keese gehörte zu der Boy­group um Springer-​​Chef Diek­mann, die für ein hal­bes Jahr aus­zog, um sich in Kali­for­nien per­sön­lich in das Zen­trum der welt­wei­ten Digi­ta­li­sie­rung zu bege­ben, um das lokale Kraft­feld auf die eigene Welt­wahr­neh­mung wir­ken zu las­sen. Diek­mann war mit einem Bart zurück­ge­kehrt. Die ande­ren schrei­ben jetzt nach der Rück­kehr Bücher, die uns die Augen öff­nen sol­len. Beim Ent­de­ckungs­rei­sen­den Keese heißt das ver­kaufs­för­dernd: „Sili­con Val­ley - Was aus dem mäch­tigs­ten Tal der Welt auf uns zukommt“. Tat­säch­lich gelingt es dem Kund­schaf­ter Keese in kür­zes­ter Zeit, das Publi­kum in sei­nen Bann zu zie­hen. Hier ein Blick in das Start-​​up bei dem sechs Nerds mit den Lap­tops täg­lich um den Küchen­tisch sit­zen und in klös­ter­li­cher Welt­ab­ge­wand­heit ihre Idee aus­ar­bei­ten, dort ein Blick auf die eli­täre Anders­ar­tig­keit der Uni­ver­si­tät Stan­ford, der Kader­schmiede und aka­de­mi­schen Brut­stätte der welt­weit erfolg­reichs­ten Neu­grün­dun­gen. Dann Stau­nen über Leich­tig­keit und Speed: Beim Gewin­nen und Ver­bren­nen von Kapi­tal, in der Offen­heit und Direkt­heit über Geld und Pro­jekte zu reden. Neues zu wagen. Wer Keese eine Weile zuhörte, sah Vasco da Gama vor sich, wie er den Fürs­ten sei­ner Hei­mat von Leben und Reich­tü­mern Indi­ens berich­tet. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Erleb­nis­be­richt aus dem Val­ley heute noch für Stau­nen sor­gen kann. Und doch sollte nicht der Ein­druck ent­ste­hen, Keese sei hier allein der Fas­zi­na­tion der unter­neh­me­ri­schen Chan­cen erle­gen. Im Gegen­teil: Seine Bot­schaft ist: Wir haben als Indus­trie­stand­ort die­ser Power wenig ent­ge­gen­zu­set­zen. Als jun­ges Unter­neh­men – Ver­gleich MyTaxi und Uber – wirst du hier­zu­lande nie dich Ent­wick­lungs­chance (=Kohle) haben, die du im Val­ley haben könn­test. Und die Gesell­schaft sei gewarnt: Was da auf uns zukommt, wird gna­den­los unsere Löhne und Sozi­al­stan­dards weg­pus­ten. Eine zwar wie gewohnt unter­halt­same, aber inhalt­lich wenig über­zeu­gende Gegen­po­si­tion ver­suchte Chef­re­dak­teur Stein­gart ein­zu­brin­gen, Motto: Es wird schon nicht so schlimm kom­men, als Indus­trie­stand­ort sind wir ja auch nicht ohne und kön­nen die neuen Chan­cen nut­zen. Als Beleg führt er aus­ge­rech­net die Auto­mo­bil­in­dus­trie an, die den Amis ja weit vor­aus sei. Spä­tes­tens hier wäre der Zeit­punkt gewe­sen, dass genau diese Indus­trie ein Para­de­bei­spiel dafür ist, wie die Digi­ta­li­sie­rung und ihre kul­tu­rel­len Begleit­ver­än­de­run­gen in der zeit­li­chen Koin­zi­denz mit einem unver­meid­li­chen Tech­no­lo­gie­wech­sel bei den Antriebs­sys­te­men die Luft­ho­heit der Auto­kon­zerne über die Märkte bedroht. Die Auto­un­ter­neh­men fürch­ten sich nicht vor­ein­an­der, son­dern vor Google, Apple und dem Gespenst des iCars.

Lei­der ist es dazu nicht gekom­men. Denn so viel­ver­spre­chend die Dis­ku­tan­ten, neben Stein­gart und Keese war mit Klöckner-​​Chef Gis­bert Rühl ein Indus­trie­len­ker in der Runde, der weit über den Tel­ler­rand blickte, schei­terte die Runde am Mode­ra­tor. Der Ver­an­stal­ter „Zukunft durch Indus­trie“ hatte hier mit Prof. Fie­ten, Fach­ge­biet Mate­ri­al­wirt­schaft und Logis­tik, eine krasse und fol­gen­rei­che Fehl­ent­schei­dung getrof­fen. Der Mann war mit der Dimen­sion des The­mas sicht­lich über­for­dert, zitierte sich lau­fend sel­ber und ließ jede Chance aus, wich­tige Aspekte wei­ter zuzu­spit­zen. Sehr schade, wie hier eine viel­ver­spre­chende Dis­kus­sion durch eine schwa­che Mode­ra­tion zer­legt wurde.

Immer­hin, die gut 150 Besu­cher, davon die meis­ten jedoch weit über 50 Jahre, ver­lie­ßen nach­denk­lich und sicht­lich beein­druckt den Saal. Zur Begrü­ßung hatte der Gast­ge­ber des „Mut­ter­hau­ses“ in der Kai­sers­wert­her Dia­ko­nie selbst­be­wusst daran erin­nert, dass die­ser Ort Aus­gangs­punkt welt­wei­ter Inno­va­tio­nen in der päd­ago­gi­schen Arbeit und der Kran­ken­pflege war. Hier hätte man wun­der­bar anknüp­fen kön­nen, um zum Bei­spiel über heute bedrohte Sozial-​​ und Umwelt­stan­dards oder euro­päi­schen Errun­gen­schaf­ten zu reden, die hilf­reich gewe­sen wären, um den gesell­schaft­li­chen Umgang mit Uber & Co. zu diskutieren.

Hätte, hätte, Fahrradkette!

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