Rückruf? Kein Anschluss unter dieser Nummer


Von Andreas Severin

Die Lebensmittelwarnungen sind auf Rekordniveau. Das gilt leider nicht für die Kommunikation der Branche.

Was ist nur mit unse­ren Lebens­mit­teln los? Die Pro­dukt­war­nun­gen im offi­zi­el­len Por­tal der Bun­des­re­gie­rung, www.lebensmittelwarnung.de, über­schla­gen sich. 160 waren es schon Anfang Okto­ber als mit dem Fall Wil­ke die Gefähr­dung und drei Todes­mel­dun­gen auf einen trau­ri­gen Höhe­punkt zuzu­steu­ern schien. Danach ging es noch­mal rich­tig ab: Lis­te­ri­en, Coli-Bak­te­ri­en, Fremd­kör­per. Bis zum Ende des Jah­res wird die Anzahl der Warn­mel­dun­gen wohl noch auf 200 stei­gen.  Sogar die Tages­schau ver­mel­de­te in den ver­gan­ge­nen Tagen, dass Warn­mel­dun­gen und Rück­ru­fe von Lebens­mit­teln auf ein Rekord­ni­veau gestie­gen sind. Was ist los? Sind unse­re Lebens­mit­tel etwa unsi­che­rer gewor­den? Oder wird ein­fach nur mehr gewarnt?

Seit knapp zehn Jah­ren beglei­ten wir Kun­den durch Lebens­mit­tel­kri­sen. Und dabei ist uns auf­ge­fal­len: Der Umgang mit Lebens­mit­tel­kri­sen hat sich in die­ser Zeit deut­lich ver­än­dert. Der gro­ße Wen­de­punkt war die EHEC-Kri­se 2011. Damals blick­te eine gan­ze Repu­blik angst­er­füllt auf die täg­lich stei­gen­de Zahl von Erkran­kun­gen, wäh­rend Behör­den und Insti­tu­te die Quel­le des Erre­gers such­ten. 4.000 ernst­haf­te Krank­heits­fäl­le mit zum Teil lebens­lan­gen Fol­gen und mehr als 50 Tote waren am Ende der Kri­se zu bekla­gen. BSE und Dioxin-Belas­tun­gen hat­ten ein paar Jah­re zuvor zwar die Vor­aus­set­zun­gen für ein ver­bes­ser­tes Ver­brau­cher­infor­ma­ti­ons­recht gelegt, aber das Gesamt­sys­tem, die Pra­xis in den Betrie­ben und auf den Behör­den war immer noch nicht auf eine schnel­le Bear­bei­tung aus­ge­rich­tet. Mit EHEC änder­te sich alles: Man rea­li­sier­te, dass Lebens­mit­tel, die als Über­trä­ger von Kei­men in Ver­dacht gera­ten, zum Zeit­punkt der Erkran­kun­gen und fol­gen­der Unter­su­chun­gen oft schon ver­braucht waren. Das gan­ze Sys­tem von der Rück­ver­folg­bar­keit von Lebens­mit­teln, über Kon­trol­len und Unter­su­chun­gen bis zum Rück­ruf von Waren aus dem Markt war ein­fach zu lang­sam. Heu­te ist das Reak­ti­ons­sys­tem, sowohl auf und zwi­schen den betei­lig­ten Behör­den, wie auch in den Betrie­ben der Her­stel­ler wesent­lich leis­tungs­fä­hi­ger und schnel­ler. Schon im Okto­ber 2011 ging das Por­tal www.lebensmittelwarnung.de an den Start. Ver­brau­cher sol­len dar­über schon früh­zei­tig vor gesund­heits­ge­fähr­den­den Lebens­mit­teln gewarnt wer­den. Erst­ma­lig ent­stand die Mög­lich­keit, Kon­su­men­ten schon bin­nen weni­ger Stun­den nach einer amt­li­chen Ent­schei­dung, vor dem Ver­zehr eines Pro­duk­tes zu war­nen. Es steht außer Fra­ge, dass mit die­sem Sys­tem die EHEC-Kri­se anders ver­lau­fen wäre (auch wenn lebensmittelwarnung.de zu recht kri­ti­siert wird, mit dem Bio­rhyth­mus einer Behör­de häu­fig zu lang­sam Warn­mel­dun­gen zu ver­öf­fent­li­chen).

Hohe Nervosität sorgt für mehr Warnungen

Der deut­li­che Anstieg bei den Warn­mel­dun­gen ist daher ein gutes Zei­chen. Auch wir haben allein in die­sem Jahr zehn Unter­neh­men auf Rück­ru­fe vor­be­rei­tet oder die­se kom­mu­ni­ka­tiv beglei­tet. Rich­tig ist aber auch, dass wir heu­te ver­mut­lich die sichers­ten Lebens­mit­tel und die bes­ten Eigen­kon­trol­len aller Zei­ten in Deutsch­land haben. Der Grund dafür ist, dass die Ana­ly­tik immer leis­tungs­fä­hi­ger gewor­den ist und die Unter­neh­men heu­te auch viel mehr Eigen­kon­trol­len durch­füh­ren. Um Haf­tungs­ri­si­ken zu ver­mei­den, zie­hen Her­stel­ler schon von sich aus Pro­duk­te bei dem gerings­ten Ver­dacht aus dem Ver­kehr. Kaum in der Öffent­lich­keit bekannt ist die Tat­sa­che, dass auf jeden öffent­li­chen Rück­ruf meh­re­re soge­nann­te „stil­le Rück­ru­fe“ kom­men, bei denen das Pro­duk­te noch nicht im Abver­kauf ist und noch aus den Lagern zurück­ge­führt wer­den kann. Öffent­lich zurück­ge­ru­fen wer­den muss, wenn Lebens­mit­tel gesund­heits­ge­fähr­dend, ekel­er­re­gend oder täu­schend dekla­riert sind. Tat­säch­lich wird heu­te schon deut­lich unter­halb die­ser Schwel­len gewarnt und zurück­ge­ru­fen. Erin­nert sich noch jemand an den „Fipro­nil-Skan­dal“ vor zwei Jah­ren? Damals war das Insek­ti­zid unter dubio­sen Umstän­den in das Rei­ni­gungs­mit­tel von Hüh­ner­stäl­len gera­ten und wur­de bei Eigen­kon­trol­len bel­gi­scher Pro­du­zen­ten fest­ge­stellt. In einer unüber­sicht­li­chen Situa­ti­on wur­de eine vor­sorg­li­che War­nung in das euro­päi­sche Schnell­warn­sys­tem gege­ben. Bereits in kür­zes­ter Zeit wur­den euro­pa­weit Eier aus dem Han­del genom­men. In Deutsch­land stopp­te Aldi sogar jeg­li­chen Ver­kauf von Eiern für die kein tes­tier­ter Nega­tiv­be­fund vor­lag. Die Auf­re­gung war groß und mün­de­te in den übli­chen Schuld­zu­wei­sun­gen und Son­der­sen­dun­gen. Die beson­de­re Poin­te der Affä­re: Nicht in einer ein­zi­gen Kon­trol­le war in Deutsch­land der gesund­heits­re­le­van­te Grenz­wert nur annä­hernd erreicht wor­den. Bei dem höchs­ten gemes­se­nen Wert hät­ten sie­ben Eier in 24 Stun­den geges­sen wer­den müs­sen, um über­haupt in die Nähe des Grenz­werts zu kom­men.

Der Vor­gang unter­streicht die ner­vö­se Grund­hal­tung der Bran­che. Lie­ber ein­mal zu viel gewarnt, als ein­mal zu wenig. Zu vie­le Unter­neh­men, die schon von einer ein­zi­gen gro­ßen Kri­se aus dem Markt gewor­fen wor­den sind. Und das nicht, weil sie ihre Hygie­ne­pra­xis nicht unter Kon­trol­le bekom­men haben, son­dern weil ihnen nach schlech­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on das Ver­trau­en der Kun­den ent­zo­gen wur­den.

Das Verbrauchervertrauen in die Lebensmittelindustrie ist auf einem historischen Tiefpunkt

Ver­brau­cher­schüt­zer erach­ten auch die Warn­pra­xis immer noch als unzu­rei­chend. Sie for­dern, dass die War­nun­gen inten­si­ver auf mög­li­che Erkran­kun­gen ein­ge­hen und vor allem der Han­del selbst sei­ne kom­mu­ni­ka­ti­ven Mög­lich­kei­ten bes­ser in den Dienst der Pro­dukt­war­nun­gen stellt. Es sind Zwei­fel ange­bracht, ob es jeman­dem nutzt die Aus­führ­lich­keit der Warn­mel­dun­gen aus­zu­wei­ten. Jetzt schon stellt die Infla­ti­on der Warn­mel­dun­gen eine Über­for­de­rung der Ver­brau­cher dar. Das zeigt sich bei uns in den Hot­lines, die wir bei Rück­ru­fen für Ver­brau­cher und Medi­en zur Ver­fü­gung stel­len. Beim größ­ten Teil der Anru­fer erweist sich rasch, dass sie gar nicht das Pro­dukt besit­zen, wel­ches Gegen­stand des Rück­rufs ist. Die Ängs­te der Ver­brau­cher sind echt, die Ware ist es nicht.

Und so ist das gan­ze Stim­mungs­bild. Rich­tig indes ist, dass Han­del und Erzeu­ger mehr dafür tun könn­ten, Ver­brau­chern Ori­en­tie­rung zu geben. Obwohl wir die sichers­ten Lebens­mit­tel haben, ist das Ver­brau­cher­ver­trau­en auf einem his­to­ri­schen Tief­punkt. Lebens­mit­tel­un­ter­neh­mer gel­ten mitt­ler­wei­le weit­hin als pro­fit­gie­ri­ge Halun­ken, die Behör­den als unfä­hig und Bio-Lebens­mit­tel sowie­so als zu teu­er.
Der Fall Wil­ke war natür­lich eine Kata­stro­phe für die Bran­che und hat wie­der eine Men­ge Ver­trau­en ver­brannt und Vor­ur­tei­le ange­heizt.  Medi­en fachen die­se Ängs­te ger­ne an. Wenn es um Lebens­mit­tel geht, ori­en­tiert sich der Nach­rich­ten­wert immer am nega­ti­ven Poten­zi­al. Und es ist eine Tat­sa­che, dass die Deut­schen nega­ti­ven Medi­en­be­rich­ten prin­zi­pi­ell mehr Ver­trau­en ent­ge­gen­brin­gen als posi­ti­ven. Das wird von den Medi­en mit den gro­ßen Buch­sta­ben ger­ne bedient. Die täg­li­che Lebens­mit­tel­kri­se dient hier jeder­zeit gut als redak­tio­nel­ler Füll­stoff. Wil­ke hat im Publi­kum ohne Zwei­fel ein Bedürf­nis an Schre­cken und Ekel bedient, dass vor allem der Sta­bi­li­sie­rung lieb­ge­wor­de­ner Kli­schees dient.

Lebensmittelproduzenten oft mit der kommunikativen Verantwortung überfordert

Rich­tig ist den­noch, dass die Bran­che ein gro­ßes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blem hat. Der Ein­zel­han­del reicht die kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­ant­wor­tung an die Pro­du­zen­ten wei­ter und die zei­gen sich mit der ent­stan­de­nen Ver­ant­wor­tung weit­ge­hend über­for­dert. Die über­wie­gen­de Zahl der Pro­du­zen­ten sind mit­tel­stän­di­sche Fami­li­en­un­ter­neh­men, die sel­ten über eine ihrem Umsatz ent­spre­chen­de Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pra­xis ver­fü­gen. In Schock­star­re und Angst vor der Macht von Medi­en und den Han­dels­kun­den wird die eige­ne kom­mu­ni­ka­ti­ve Ver­ant­wor­tung klein gere­det und die Geschäfts­tä­tig­keit in Schwei­gen und Intrans­pa­renz gehüllt. Wer aller­dings erst bei einem deutsch­land­wei­ten Rück­ruf die Bedeu­tung von Kom­mu­ni­ka­ti­on ent­deckt und sich am Pran­ger wie­der­fin­det, der steht mit dem Rücken an der Wand und kann nicht auf Gna­de und Ver­ständ­nis in der Öffent­lich­keit hof­fen. Mehr noch, sie machen den größ­ten Feh­ler, den Unter­neh­men machen kön­nen: Sie stel­len in dem Augen­blick, wo nur Kom­mu­ni­ka­ti­on hel­fen kann, jeg­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ein. Sie machen manch­mal sogar in jeder Hin­sicht zu. Damit ärgern sie alle: die Ver­brau­cher, den Han­del und auch die Behör­den, die ja ver­pflich­tet sind, zu kom­mu­ni­zie­ren und auch ungern dabei allein gelas­sen wer­den.

Das Para­dox: Vie­le die­ser Unter­neh­men sind durch­aus wach­sam und inno­va­tiv. Sie machen sich die moderns­ten Tech­no­lo­gi­en zu eigen, bestehen anspruchs­volls­te Audits und ken­nen die Bedürf­nis­se ihrer Kun­den. Die Lebens­mit­tel­war­nun­gen, die Rück­ru­fe, die Insol­ven­zen von Wil­ke und Co. sind das Mene­te­kel am Werks­tor. Die Pro­du­zen­ten erle­ben gera­de, wie schnell schon ein ein­zel­ner Rück­ruf wegen eines Lis­te­ri­en­ver­dachts oder eines tem­po­rä­ren Hygie­ne­pro­blems sie vor die Exis­tenz­fra­ge stel­len kann. Es ist höchs­te Zeit, sich der kom­mu­ni­ka­ti­ven Ver­ant­wor­tung zu stel­len.

Andre­as Seve­rin stand vor eini­ger Zeit mit Björn Frei­tag für das WDR-For­mat ‚Der Vor­kos­ter’ vor der Kame­ra und gab span­nen­de Ein­bli­cke in die man­geln­de Trans­pa­renz und Gesprächs­be­reit­schaft der Lebens­mit­tel­in­dus­trie. (ab 01:02:00)

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