Prüfstand für den Ernstfall

Wie sich Lebensmittelproduzenten auf mögliche Produktkrisen vorbereiten


Von Jörn Becker
© pexel.com

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Hol­ger K. hat ein Pro­blem. Seit weni­gen Stun­den weiß sein Unter­neh­men, ein nie­der­säch­si­scher Wurst­pro­du­zent, von dem Ver­dacht, dass die Geflügel-​​Mettwurst des Unter­neh­mens mit Sal­mo­nel­len kon­ta­mi­niert sein könnte. Die Behör­den erwar­ten inner­halb von zwei Stun­den eine Stel­lung­nahme des Unter­neh­mens. Zusam­men mit dem eilig ein­be­ru­fe­nen Kri­sen­stab macht sich K. daran, über die mitt­ler­weile bekannte Char­gen­num­mer des Pro­duk­tes den Produktions-​​ und Lie­fer­weg nach­zu­voll­zie­hen. In der Vor­be­rei­tung eines mög­li­chen Pro­dukt­rück­ru­fes gilt es jetzt dring­lichst her­aus­zu­fin­den, ob sich noch Ware unter der Kon­trolle des Unter­neh­mens befin­det und gesperrt wer­den kann und der anste­hende Pro­dukt­rück­ruf somit regio­nal ein­ge­grenzt wer­den kann.

Auch stellt sich die Frage, ob eine Ver­brau­cher­an­frage vom sel­ben Vor­mit­tag in Zusam­men­hang mit dem Ver­dacht der Pro­dukt­krise steht. Das in der Mitte des Tischs lie­gende Kri­sen­hand­buch hat für die­ses Ereig­nis defi­nierte Abläufe benannt. Aber der Ablauf stockt. Alle war­ten auf den befrei­en­den Anruf aus der Pro­duk­tion. Aber mit jeder Minute wird den anwe­sen­den Kri­sen­ma­na­gern kla­rer, dass sie hier ein Pro­blem mit dem beste­hen­den inter­nen Rück­ver­folg­bar­keits­sys­tem haben. Es droht ein bun­des­wei­ter Pro­dukt­rück­ruf mit allen damit ver­bun­de­nen nega­ti­ven Fol­gen. Tages­schau statt Lokal­blatt. Nach einer kur­zen Aus­zeit beschließt die Runde mit einer ange­pass­ten Annahme wei­ter­zu­ar­bei­ten. Aus­zeit? Annahme? Mit­ten in der Kri­sen­lage? Der Geschäfts­füh­rer nickt wort­los, von Panik keine Spur.

Hol­ger K. und seine Kol­le­gen befin­den sich in kei­ner ech­ten Kri­sen­si­tua­tion. Sie haben sich diese Krise bei den Bera­tern von cross­re­la­ti­ons und dem auf Lebens­mit­tel­recht spe­zia­li­sier­ten Büro KWG Rechts­an­wälte (Gummersbach/​Brüssel) regel­recht bestellt. In einer Kri­sen­übung soll über­prüft wer­den, ob die Ver­fah­rens­an­wei­sun­gen im Kri­sen­hand­buch des Unter­neh­mens mit der betrieb­li­chen Pra­xis über­ein­stim­men. Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­ra­ter und die Anwälte haben ein auf das Unter­neh­men zuge­schnit­te­nes Kri­sen­sze­na­rio ent­wor­fen, das sich an real exis­tie­ren­den Bedin­gun­gen und Pro­duk­ten fest­macht. Hohe Rea­li­täts­nähe soll die Ernst­haf­tig­keit der Übung unter­strei­chen, den Akteu­ren aber auch ver­trau­tes Ter­rain ermög­li­chen. Kaum ein Rechts­be­reich ist so umfas­send regu­liert, wie die Pro­duk­tion und der Umgang mit Lebens­mit­teln. Das heißt aber auch, dass unter dem Stress einer Krise viele Feh­ler in der Bewäl­ti­gung gesetz­li­cher Auf­la­gen pas­sie­ren kön­nen. Reale Bedin­gun­gen und Echtzeit-​​Prozeduren sind Prä­mis­sen einer sol­chen Übung.

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Ziel einer Kri­sen­übung ist es, die Zusam­men­ar­beit im Kri­sen­stab, die betriebs­in­ter­nen Abläufe sowie die Anwend­bar­keit und Funk­tio­na­li­tät der Kri­sen­ma­nage­ment­do­ku­mente zu tes­ten. Wesent­li­che Eck­punkte einer sol­chen Übung sind:

- Erar­bei­tung eines rea­lis­ti­schen Sze­na­rios mit­hilfe eines Dreh­buchs, das sich an den Maß­ga­ben nach IFS 6 Nr. 5.9.4 orientiert

- Ent­wick­lung von rea­li­täts­na­hen Sze­na­rien zu den ver­schie­de­nen Bezugs­grup­pen, wie Ver­brau­cher, Kun­den, Behör­den, NGOs und Medien

- die nach Mög­lich­keit reale Ein­bin­dung von bspw. Behör­den oder Lieferanten.

- Ereig­nis­steue­rung über das Ein­spie­len von Ereignis-​​Meldungen über ver­schie­dene Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­näle in Echtzeit

- Über eine von cross­re­la­ti­ons bereit­ge­stellte Hot­line wer­den Anfra­gen besorg­ter Ver­brau­cher eingespielt

Lebens­mit­tel­pro­du­zen­ten haben in den zurück­lie­gen­den Jah­ren viel Anschau­ungs­un­ter­richt in Sachen Pro­dukt­krise erhal­ten. Sie haben Unter­neh­men stu­die­ren kön­nen, die einen gro­ßen Pro­dukt­rück­ruf sou­ve­rän bewäl­tigt haben. Sie haben aber noch häu­fi­ger zuse­hen kön­nen, wie eine erhöhte Auf­merk­sam­keit von Behör­den und Ver­brau­chern sich mit einer scho­nungs­lo­sen Medi­en­prä­senz zu einer exis­tenz­be­dro­hen­den Lage für Unter­neh­men ihrer Bran­che ver­band. Nicht sel­ten stand am Ende einer sol­chen Eska­la­tion eine hohe finan­zi­elle Belas­tung durch den Pro­dukt­rück­ruf bei gleich­zei­ti­gem Ver­lust von Schlüs­sel­kun­den. Gefragte Sze­na­rien sind vor allem ver­se­hent­li­che oder vor­sätz­li­che Pro­dukt­kon­ta­mi­na­tio­nen mit mög­li­chem Rückruf/​Rücknahme, Erpres­sun­gen sowie nega­tive Medi­en­be­richt­er­stat­tung über das Unter­neh­men oder Pro­dukte mit mög­li­chem Reputationsschaden.

Für Hol­ger K. und seine Kol­le­gen in der Geschäfts­lei­tung des Unter­neh­mens hat sich der Stress heute gelohnt. Sie wis­sen, dass im Ernst­fall der Druck simul­ta­ner Erfor­der­nisse und auch die men­tale Belas­tung weit­aus gra­vie­ren­der auf die Ent­schei­dungs­pro­zesse ein­wir­ken. Den­noch: Sie haben ein­drucks­voll erfah­ren, was im Ernst­fall gut und was nicht gut funk­tio­niert. Ein Eva­lua­ti­ons­be­richt hin­ter­lässt ein paar Haus­auf­ga­ben, die nicht erst bis zur nächs­ten Kri­sen­übung abge­ar­bei­tet sein soll­ten. Immer­hin war die Gesamt­leis­tung hin­rei­chend gut, um am Ende der Übung ein Zer­ti­fi­kat zu erhal­ten, mit dem das Unter­neh­men gegen­über Kun­den oder Zer­ti­fi­zie­rungs­stel­len fortan die Erfül­lung der Anfor­de­run­gen nach IFS 6 Nr. 5.9 nach­wei­sen kann.

Sie sind an einer Kri­sen­übung für Ihren Betrieb inter­es­siert? Oder Sie suchen Unter­stüt­zung beim Auf­bau eines Kri­sen­ma­nage­ment­sys­tems? Dann neh­men Sie Kon­takt zu uns auf. Gerne ste­hen wir Ihnen für ein ers­tes Ori­en­tie­rungs­ge­spräch zur Verfügung.

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