Einfach Auflegen ist so retro“ – einfach drollige Spots raushauen aber leider auch


Von Andreas Severin

Wie die Arbeitsschutzkampagne der DGUV den Einstieg in das Thema „Kommunikation“ versemmelt.

Eine Kri­tik von Andre­as Seve­rin

Ohne Zwei­fel ist die Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung (DGUV) einer der wich­tigs­ten Play­er, wenn es um den betrieb­li­chen Arbeits­schutz geht. Ihre Maß­nah­men sowie deren For­schung auf dem Gebiet der Prä­ven­ti­on von Arbeits­un­fäl­len, Berufs­krank­hei­ten und arbeits­be­ding­ten Gesund­heits­ge­fah­ren fin­den deutsch­land­weit in allen Betrie­ben und in der Poli­tik hohe Beach­tung. Das For­schungs­wis­sen des ange­glie­der­ten, nicht min­der renom­mier­ten Insti­tuts für Arbeit und Gesund­heit (IAG) trägt weit über die Lan­des­gren­zen zu einem ver­bes­ser­ten Arbeits­schutz bei.

Mit­te Okto­ber fiel auf der Fach­mes­se „A+A“ in Düs­sel­dorf der offi­zi­el­le Start­schuss für die neue DGUV-Prä­ven­ti­ons­kam­pa­gne „komm­mit­mensch – Sicher. Gesund. Mit­ein­an­der“. An die­ser Kam­pa­gne unter dem Dach des Spit­zen­ver­bands Deut­sche Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung (DGUV) betei­li­gen sich zahl­rei­che wei­te­re Ver­bän­de und Insti­tu­tio­nen.

Erklär­tes Ziel der Kam­pa­gne ist es, Betrie­be, öffent­li­che Ein­rich­tun­gen und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen dafür zu begeis­tern, sich für Sicher­heit und Gesund­heit zu enga­gie­ren. Dabei geht es den Initia­to­ren um nicht weni­ger, als zu einem Kul­tur­wan­del in den Betrie­ben bei­zu­tra­gen, der Wer­te wie Sicher­heit und Gesund­heit im Bewusst­sein jedes Ein­zel­nen ver­an­kert. Prä­ven­ti­on soll über die Denk­an­stö­ße der Kam­pa­gne Teil einer jeden Unter­neh­mens­kul­tur wer­den. Da hat man sich Gro­ßes vor­ge­nom­men, aber um ange­sichts der Ver­än­de­rung im Arbeits­le­ben die not­wen­di­gen Fort­schrit­te in der Arbeits­si­cher­heit zu erzie­len, braucht es Visio­nen und Kraft, die­se auf den Weg zu brin­gen.

Die Kam­pa­gne ist über meh­re­re Jah­re ange­legt und fokus­siert zen­tra­le Hand­lungs­fel­der in Unter­neh­men und Insti­tu­tio­nen. Im Jahr 2018 star­te­te die Kam­pa­gne mit dem The­ma „Füh­rung“ und adres­sier­te Füh­rungs­kräf­te in ihrer Vor­bild­funk­ti­on, auch bei Sicher­heit und Gesund­heit. Im Jah­res­rhyth­mus fol­gen dann die Hand­lungs­fel­der Kom­mu­ni­ka­ti­on, Betei­li­gung, Feh­ler­kul­tur, Betriebs­kli­ma sowie Sicher­heit und Gesund­heit. 2019 also steht „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ im Mit­tel­punkt.

Den öffent­lich sicht­ba­ren Auf­takt mach­te nun vor weni­gen Tagen die Vor­stel­lung des Soci­al-Media-Clips „Der Fei­er­abend“. Der Spot soll zei­gen, was pas­siert, wenn jemand Hil­fe braucht und nie­mand sich die Zeit nimmt, zu hel­fen, weil er oder sie gera­de auf dem Sprung in den Fei­er­abend ist. Fazit der Macher: „Ein paar kur­ze, kla­re Wor­te kön­nen manch­mal das gro­ße Cha­os abwen­den.“ Klingt über­zeu­gend und rele­vant. Ist es aber im Ergeb­nis lei­der nicht.

Ein Tech­ni­ker muss kurz­fris­tig eine Ent­schei­dung tref­fen, den rich­ti­gen Knopf zu drü­cken, „grün“ oder „rot“. Dazu ruft er eine Kol­le­gin an, die offen­bar über ent­schei­dungs­re­le­van­te Infor­ma­tio­nen in ihren Unter­la­gen ver­fügt. Die­se ist aber lei­der schon in Fei­er­abend­stim­mung und hat augen­schein­lich kei­ne Lust, den Kol­le­gen zu unter­stüt­zen. Bereits im Weg­ge­hen ruft sie ihm wider­sprüch­li­che Emp­feh­lun­gen zu. Mehr noch, um ihn los­zu­wer­den, täuscht sie ihn sogar vor­sätz­lich. Der Tech­ni­ker betä­tigt in sei­ner Hilf­lo­sig­keit natür­lich den fal­schen Schal­ter – und die Dame bleibt im Auf­zug ste­cken. Soweit der Plot. Feh­len eigent­lich nur noch die Lacher aus dem Off.

Im Rah­men einer Schu­lung könn­te man mit einem der­ar­ti­gen Ver­hal­tens­zerr­bild viel­leicht arbei­ten und die ent­stan­de­ne holz­schnitt­ar­ti­ge Situa­ti­on gemein­sam befra­gen. Das Pro­blem die­ser Dar­stel­lung liegt jedoch vor allem dar­in, dass die beschrie­be­ne Situa­ti­on so absurd und wirk­lich­keits­fremd ist, dass sie dem Betrach­ter kei­ner­lei Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­sät­ze lie­fert. Aus der päd­ago­gi­schen Psy­cho­lo­gie wis­sen wir jedoch, dass nur wenn die bei­den moti­va­tio­na­len Sys­te­me der voli­tio­na­len (wil­lent­li­chen) und affek­ti­ven (emo­tio­na­len) Steue­rung posi­ti­ves Feed­back ver­mit­teln, auch das gebo­te­ne Inter­es­se ent­ste­hen kann. Anders gesagt, unse­re Wahr­neh­mung tas­tet die ange­bo­te­ne Situa­ti­on sehr schnell auf Rele­vanz ab. Dar­an man­gelt es hier aller­dings. Die Sze­ne­rie drif­tet völ­lig ins komö­di­en­haf­te, sati­ri­sche ab. An die­sem Punkt müs­sen in medi­al eigen­stän­di­gen For­ma­ten, wie einem soci­al spot, jedoch die Anker der Wie­der­erkenn­bar­keit aus­ge­wor­fen wer­den. Betrach­ter müs­sen sagen: „Ja, so isses!“ und ihre Arbeits­schutz­rea­li­tät zumin­dest im Grund­mus­ter wie­der­erken­nen. Die For­schung belegt, dass es ins­be­son­de­re drei Motiv­grup­pen sind, die Ansät­ze zur Ver­hal­tens­be­ein­flus­sung lie­fern: ein laten­ter Wunsch nach Struk­tur, Ord­nung und Schutz, das Bedürf­nis nach Zuge­hö­rig­keit, Aner­ken­nung und Wert­schät­zung. Wer auf die ins Gro­tes­ke abglei­ten­de Film­sze­ne­rie blickt, fin­det nichts davon als mög­li­chen Selbst­be­zug dar­in wie­der.

In den schnell­dre­hen­den B-For­ma­ten der deut­schen TV-Früh­abend­un­ter­hal­tung könn­te die­ses Film­chen viel­leicht für ein paar kur­ze Lacher sor­gen. Für eine Kom­mu­ni­ka­ti­on, die zum Kul­tur­wan­del im Arbeits­schutz bei­tra­gen möch­te, bleibt das Ergeb­nis unter der Sprung­mar­ke. Schlim­mer noch, sie nimmt ihre Ziel­grup­pe nicht ernst: Wenn die als Voll­pfos­ten oder Igno­ran­ten dar­ge­stell­ten Akteu­re nur ange­nä­hert der wah­ren Ziel­grup­pe der Kam­pa­gne ähneln, bräuch­te man sich wohl über ver­fei­ner­te psy­cho­lo­gi­sche Stra­te­gi­en der Beha­vi­or Based Safe­ty kei­ne wei­te­ren Gedan­ken mehr zu machen.

Das ist scha­de, denn die Kam­pa­gne „komm­mit­mensch“ ist klug und weit­bli­ckend kon­zi­piert und man wünscht ihr vie­le Mit­ma­cher und Unter­stüt­zung in den Betrie­ben und Ver­bän­den.

Das The­ma Kom­mu­ni­ka­ti­on in den Mit­tel­punkt der dies­jäh­ri­gen Akti­vi­tä­ten zu stel­len ist unbe­dingt zu begrü­ßen. Mit Kom­mu­ni­ka­ti­on las­sen sich Hin­der­nis­se im Zugang zum indi­vi­du­el­len Ver­hal­ten über­win­den, zu denen die ande­ren Instru­men­te des Arbeits­schut­zes kei­nen Zugang haben. Sicher­heits­be­auf­trag­te kön­nen ein Lied davon sin­gen, wel­cher kom­mu­ni­ka­ti­ver Anstren­gun­gen es bedarf, um Kol­le­gIn­nen zu Ver­hal­tens­än­de­run­gen zu bewe­gen. Wie oft muss im Nach­hin­ein das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ver­hal­ten befragt wer­den, wenn Miss­ver­ständ­nis­se und unaus­ge­spro­che­ne Annah­men zu fata­len Kon­se­quen­zen geführt haben? Es ist wirk­lich an der Zeit, im Arbeits­schutz das Poten­zi­al von Kom­mu­ni­ka­ti­on neu und vor allem pro­fes­sio­nell gerüs­tet, zu ent­de­cken.

Aus­ge­hend von die­sem Hori­zont, wirft das the­ma­ti­sche Debüt mit dem Spot Fra­gen auf. Eigent­lich soll­te es jedem Soci­al-Exper­ten klar sein, dass Spots, wie die­ser, nie­mals kom­mu­ni­ka­tiv für sich allei­ne wirk­sam wer­den kön­nen. Sie sind als Medi­um aus­ge­zeich­net dazu in der Lage punk­tu­ell Auf­merk­sam­keit, Rele­vanz und emo­tio­na­le Betei­li­gung zu ver­mit­teln. Aber nur, wenn sie auch zum Gesprächs­an­lass wer­den und sich mit ande­ren Instru­men­ten ver­zah­nen, las­sen sich die not­wen­di­gen Trig­ger­punk­te im Ver­hal­ten des Ziel­pu­bli­kums ansteu­ern. Lei­der lässt einen die­ser Spot nicht nur mit sei­nem bizar­ren Plot rat­los zurück, son­dern auch in der Fra­ge, wie sich die­ser Soci­al-Media-Spot in die Kam­pa­gnen­me­cha­nik inte­griert. Soci­al vide­os machen nur Sinn, wenn sie den Com­mu­nities Betei­li­gungs- und Inter­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten eröff­nen, die auf tie­fe­re enga­ge­ments zie­len. Die­ser Rah­men fehlt hier oder wird nicht erkenn­bar.

Sei nicht retro“ und „Gemein­sam für eine gute Kom­mu­ni­ka­ti­on“, tönen die Macher schluss­end­lich ins Netz. Nun ja, klingt pro­gres­siv. Aber ein­fach einen skur­ri­len Spot in den Netz-Orbit zu pus­ten, ist kom­mu­ni­ka­tiv lei­der auch ein biss­chen retro.

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