Ägypten: Facebook allein macht noch keine Revolution


Von agenturadmin

Philip Rizk (Foto: Chris­tina Rizk)

Blog­ger, Fil­me­ma­cher und Demons­trant in Kairo: Phi­lip Rizk ist aktiv bei den Pro­tes­ten auf dem Tahrir-​​Platz dabei und berich­tet dar­über. Er wider­spricht der Medi­en­dar­stel­lung einer „Facebook-​​Revolution“ und spricht eher von „Inti­fada“ anstelle von „Ara­bi­schem Früh­ling“. Chris­tina Marx sprach am Rande der Medi­en­ta­gung des Deutsch­land­funks „Der Ort des Poli­ti­schen in der digi­ta­len Medi­en­welt“ Anfang Januar mit ihm.

„Ara­bi­scher Früh­ling“, „Demo­kra­ti­scher Wan­del“ oder „Ara­bel­lion“: so wer­den die Ver­än­de­run­gen in Ägyp­ten und der ara­bi­schen Welt beschrie­ben. Wel­chen Begriff ver­wen­den Sie?

Ich spre­che sehr gerne von einer „Inti­fada“ – das ist dem sehr ähn­lich, was in Paläs­tina pas­siert ist: Die Leute sind auf­ge­stan­den und haben ange­fan­gen zu demons­trie­ren. Das ist kein kurz­fris­ti­ger Pro­zess, der einen genauen Anfang und ein Ende hat. Mei­ner Mei­nung nach hat es schon im Jahr 2000 ange­fan­gen, dass sich in den Stra­ßen von Ägyp­ten etwas getan hat.

Medien spre­chen von einer „Facebook-​​Revolution“: Waren das Inter­net und die sozia­len Netz­werke wirk­lich aus­schlag­ge­bend für die Proteste?

Sie haben natür­lich eine Rolle gespielt. Im Inter­net kann man viel mehr sagen als in den „nor­ma­len“ Medien. Aber ich würde nicht sagen, dass sie die zen­trale Rolle gespielt haben. Darum habe ich ein Pro­blem mit den bei­den Wor­ten „Face­book“ und „Revo­lu­tion“ – es ist nicht wirk­lich eine Revo­lu­tion, die voll­en­det ist. Es ist eine Revo­lu­tion, die immer noch wei­ter geht, weil die Leute immer noch demons­trie­ren und ihr Land wei­ter­hin ver­än­dern. Es gibt eine große Anzahl von Ägyp­tern, die Face­book benut­zen, dar­über kom­mu­ni­zie­ren und ihre Mei­nung äußern. Aber das ist eine viel klei­nere Zahl als die, die ab dem 28. Januar 2011 auf der Straße waren und den Tahrir-​​Platz und meh­rere andere Plätze in Ägyp­ten besetzt hielten.

Wie hat die Mobi­li­sie­rung dann funktioniert?

Am 25. Januar 2011 gin­gen in einem ärme­ren Vier­tel von Kairo Leute durch die Straße, die poli­tisch enga­giert waren. Sie haben dazu auf­ge­ru­fen, am 28. Januar mit­zu­ma­chen. Am Tahrir-​​Platz war dann eine viel grö­ßere Masse, die zum Groß­teil vor­her gar nicht poli­tisch aktiv war, die aber ein­fach die­sen Moment aus­ge­nutzt hat, zusam­men „Nein“ zu sagen.

Sie sind Blog­ger und Fil­me­ma­cher. Sie kom­mu­ni­zie­ren und ver­brei­ten das, was Sie selbst bei den Pro­tes­ten erle­ben. Wie wür­den Sie selbst Ihre Rolle beschreiben?

Ich habe natür­lich den Luxus, dass ich fil­men kann. Und ich bin dabei, ich bin Demons­trant, ich mache da aktiv mit. Ich bin ganz sicher kein Jour­na­list, der Abstand nimmt und dar­über berich­ten will. Ich mache mit und ver­su­che „von innen“ das, was ich sehe zu doku­men­tie­ren und wei­ter­zu­ge­ben. Das ist eine sehr wich­tige Rolle, sol­che Filme und Infor­ma­tio­nen in Ägyp­ten wei­ter­zu­ge­ben, weil die offi­zi­el­len Medien das nicht tun. Im Inter­net pas­siert das natür­lich, weil es ein­fach ist, aber wir ver­su­chen auch, die Filme auf der Straße zu zei­gen und zum Bei­spiel von Handy zu Handy wei­ter­zu­lei­ten, um nicht vom Inter­net ein­ge­schränkt zu sein.

Ich arbeite in Ägyp­ten mit einer Film­kol­lek­tive zusam­men, die Mosi­reen heißt und eine eigene Web­site hat. Es hel­fen uns Leute, die Filme mit Unter­ti­teln zu ver­se­hen. Die wer­den dann auch im Aus­land per E-​​Mail ver­brei­tet. So gibt es diese Videos und Infor­ma­tio­nen auch in ande­ren Sprachen.

Ende Januar jährt sich der sog. „Frei­tag des Zorns“ zum ers­ten Mal. Wie geht es jetzt weiter?

Genauso wie in den vori­gen Mona­ten. Die Leute sind der Mei­nung, nichts oder nicht genug hätte sich ver­än­dert und die Gene­räle hät­ten jetzt genau die Posi­tion ein­ge­nom­men, die Muba­rak und sein Regime frü­her hat­ten. Und darum ist die Revo­lu­tion über­haupt nicht voll­en­det. Wir berei­ten uns auf den 25. Januar vor. Leute wer­den geschult, ich bin aktiv dabei und filme. Wir erwar­ten, dass es wei­ter­geht. Es ist noch lange nicht zu Ende.

Über Phi­lip Rizk

Phi­lip Rizk ist Fil­me­ma­cher und Blog­ger in Kairo. Nach dem Besuch einer deut­schen Schule in Kairo stu­dierte er in Deutsch­land sowie in den USA. Nach eini­gen Jah­ren in Paläs­tina kehrte er 2007 nach Kairo zurück und betei­ligt sich seit­dem aktiv an den Demons­tra­tio­nen. In sei­nem Blog sowie dem Youtube-​​Kanal der Film­kol­lek­tive Mosi­reen berich­tet er über die aktu­el­len Ereig­nisse in Kairo und spe­zi­ell auf dem Tahrir-​​Platz. Rizk besitzt die ägyp­ti­sche und die deut­sche Staatsangehörigkeit.

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